Qualitätssicherung

17.12.2020

Qualitätssicherung in der ambulanten Psychotherapie

Die Verpflichtung zu externer, einrichtungsübergreifender QS steht seit Mitte der 90er Jahre im Sozialgesetzbuch V (SGB V §§ 135a ff.):

(2) Vertragsärzte, medizinische Versorgungszentren, … sind … verpflichtet, sich an einrichtungsübergreifenden Maßnahmen der Qualitätssicherung zu beteiligen, die insbesondere zum Ziel haben, die Ergebnisqualität zu verbessern.

Für die Umsetzung ist der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) zuständig, das höchste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen.

 

Entwicklung des QS-Verfahrens Ambulante Psychotherapie

2014
beauftragte der G-BA das AQUA-Institut, eine Konzeptskizze für ein QS-Verfahren in der ambulanten Psychotherapie gesetzlich Krankenversicherter zu erarbeiten. Der Abschlussbericht wurde 2015 vom G-BA angenommen.

2018
beauftragte der G-BA das IQTIG, auf der Grundlage der AQUA-Konzeptskizze eine Empfehlung zu entwickeln für ein einrichtungsübergreifendes Qualitätssicherungsverfahren zur ambulanten psychotherapeutischen Versorgung von erwachsenen gesetzlich Krankenversicherten. (s. Beauftragung im Detail)
Bis Ende 2022 will der G-BA dann ein QS-Verfahren beschließen, das am 1.1.2023 in Kraft treten soll.

Institut für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG)

Das IQTIG ist seit 2015 das zentrale Institut für die gesetzlich verankerte Qualitätssicherung im Gesundheitswesen in Deutschland (§ 137a Abs.1 SGB V).
Im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) entwickelt das Institut Qualitätssicherungsverfahren und beteiligt sich an deren Durchführung, sowie an der qualitätsorientierten Steuerung des Gesundheitswesens.
Die Arbeitsweise des IQTIG wird u.a. beschrieben in den Methodischen Grundlagen.

2019
Im September 2019 fügte Gesundheitsminister Spahn kurz vor der Verabschiedung des Psychotherapeutenausbildungsreformgesetzes – ohne Diskussionsmöglichkeit und Beteiligung der Profession – mehrere Veränderungen für die ambulante Psychotherapie in das Gesetz ein.
Das, was der G-BA bis dahin aus eigener Initiative verfolgt hat (QS-Verfahren für ambulante Psychotherapie) wurde damit als gesetzliche Regelung ins SGB V übernommen. Außerdem wurde einiges hinzugefügt, was nicht zum Auftrag des G-BA an das IQTIG gehört, z.B. die Abschaffung des Gutachterverfahrens im zeitlichen Zusammenhang mit der Einführung des QS-Verfahrens.

Das QS-Verfahren Ambulante Psychotherapie wird bereits seit 2018 unabhängig vom und zusätzlich zum Gutachterverfahren (GAV) entwickelt.
Es hat nichts mit den Aufgaben des GAV zu tun, diese (zeitliche) Verknüpfung hat der Gesundheitsminister aus unbekannten Gründen nachträglich hergestellt.
Das QS-Verfahren Ambulante Psychotherapie, so wie es 2018 beauftragt wurde, enthält nichts, was die Aufgaben des GAV betrifft, nämlich Prüfung von Indikation und Wirtschaftlichkeit einzelner Behandlungen. (s. Details zur Beauftragung)
Insofern bleibt abzuwarten, ob das QS-Verfahren tatsächlich „das Gutachterverfahren ersetzt“, wie jetzt häufig vermutet wird, oder ob es zusätzliche neue Regelungen als Ersatz für das GAV geben wird. (mehr s. QS-Verfahren und Gutachterverfahren)

2020
Am 16.12.2020 beschloss das Bundeskabinett das Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG), bis Februar soll der Bundesrat eine Stellungnahme dazu abgeben.
Als ein Ziel dieses Gesetzes wird genannt: Qualität und Transparenz in der Versorgung verbessern.
Darin sind weitere Veränderungen des SGB V geplant, die sich auch auf das QS-Verfahren Ambulante Psychotherapie auswirken werden.

  • Nicht nur Kliniken (wie bisher), sondern alle Leistungserbringer – also auch Psychotherapeutinnen – müssen die Auswertungsergebnisse ihrer QS-Daten veröffentlichen – „zum Zweck der Erhöhung der Transparenz und der Qualität der Versorgung insbesondere durch einrichtungsbezogene Vergleiche der an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Leistungserbringer„. (Änderung Nr. 34)
  • Nicht nur Kliniken (wie bisher), sondern alle Leistungserbringer – also auch Psychotherapeutinnen – müssen ihre Verpflichtung zur QS-Dokumentation (es geht nicht um die Behandlungsdokumentation !) zu 100 % erfüllen. Bei Unterschreiten dieser Dokumentationsrate soll es Honorarabzüge geben. (Änderung Nr.36)

Die KBV hat sich in einer Stellungnahme kritisch dazu geäußert. Was die KBV nicht erwähnt: Für die meisten Bereiche der ambulanten Versorgung gibt es noch gar kein QS-Verfahren im Sinne dieses Gesetzentwurfes, und wenn, dann nur für ganz spezifische Krankheitsbilder oder Behandlungsmethoden (s. 1 Verfahren für gesamte Psychotherapie). Wenn diese Regelungen so beschlossen werden, dann wird in den nächsten Jahren die Psychotherapie die einzige Fachgruppe im ambulanten Sektor sein, die über sämtliche Behandlungen ihre QS-Daten veröffentlichen muss.

 

Umsetzung des QS-Verfahrens ambulante Psychotherapie

Wie das QS-Verfahren Ambulante Psychotherapie aussehen wird, ist noch nicht bekannt, lt. Auftrag des G-BA ist die Entwicklung vertraulich.
Im Oktober 2020 wurde der Zwischenbericht zum Qualitätsmodell des IQTIG vom 28.2.20 veröffentlicht. Aus diesem Qualitätsmodell und aus weiteren Quellen (QS-Verfahren für andere Bereiche, DeQS-Richtlinie, Methodische Grundlagen des IQTIG) lässt sich einiges erschließen.

Ablauf des QS-Verfahrens

Das allgemeine Vorgehen bei QS-Verfahren ist beschrieben in der Richtlinie zur datengestützten einrichtungsübergreifenden Qualitätssicherung (DeQS-Richtlinie).

QS-Dokumentation
Das IQTIG wird eine Anzahl von Qualitäts-Indikatoren entwickeln, die sich auf die Prozess- und Ergebnisqualität beziehen, und dazu einen Dokumentationssoftware, in der jeder Psychotherapeut für jeden Patienten Angaben zu diesen Indikatoren machen muss. (mehr dazu s. Qualitätsindikatoren)

Unter bestimmten Bedingungen oder zu bestimmten Zeitpunkten werden die Psychotherapeuten aufgefordert, ihre fallbezogene QS-Dokumentation dem IQTIG einzureichen, z.B. für alle Patienten, die in den letzten 2 Jahren die Therapie abgeschlossen haben. (nicht die Behandlungsdokumentation, sondern die QS-Dokumentation !)
Das IQTIG wertet die QS-Dokumentationen aus, die Daten der einzelnen Praxis werden bewertet anhand von vorgegebenen Referenzbereichen.

Außerdem finden Patientenbefragungen zu qualitätsrelevanten Behandlungsaspekten statt, die ebenfalls bezogen auf die jeweilige Praxis ausgewertet werden. (mehr dazu s. Patientenbefragung).

Wenn die Werte der Praxis die vorgegebenen Referenzbereiche unterschreiten, folgen weitere Überprüfungen:

  • die Psychotherapeutin muss zu einen „Strukturierten Dialog“ vor einer Fachkommission antreten, um die Abweichungen zu erklären
  • Behandlungsdokumentationen können angefordert werden, um die Validität der QS-Dokumentation damit abzugleichen
  • Fortbildungen und Audits können verordnet werden
  • wenn sich keine Verbesserung einstellt, können Honorarabzüge und schließlich Entzug der Abrechnungserlaubnis für die entsprechende Leistung folgen

Es wurden Landesarbeitsgemeinschaften und Lenkungsgremien eingerichtet, die für die ordnungsgemäße Durchführung verantwortlich sind, Fachkommissionen übernehmen die fachliche Beurteilung der Auswertungen.
Das IQTIG veröffentlicht einen jährlichen Qualitätsreport, in dem die Ergebnisse dieser Verfahren dargestellt werden.
Der weitere Umgang damit wird z.B. hier beschrieben:
IQTIG ist den Wundinfektionen auf der Spur (Ärztezeitung 22.12.20)

In den Kliniken sind solche QS-Verfahren schon länger eingeführt, und werden in ihren Auswirkungen diskutiert, s. z.B.:
Klinikqualität – Was will der Gesetzgeber wirklich messen?  vom 7.12.2016
Klinikreform nimmt Fahrt auf  1.6.2016

Zeitlicher Rahmen

Nach einer Erprobungsphase (Machbarkeitsprüfung) soll das QS-Verfahren Ambulante Psychotherapie Anfang 2023 in den Praxen starten. Erfahrungsgemäß könnte sich dieser Termin noch verschieben.

Dann beginnen die Psychotherapeutinnen zunächst mit der QS-Dokumentation, vermutlich nur für neue Patientinnen.

Vielleicht erstmals 1 oder 2 Jahre später könnte das IQTIG die ersten Dokumentationen anfordern und auswerten. Dann werden die Fachkommissionen von den Psychotherapeuten, die die Referenzwerte unterschreiten, Erklärungen anfordern, die ausgewertet und beurteilt werden müssen. Dann werden erste Daten vorliegen darüber, was das QS-Verfahren aussagt.

Ob das QS-Verfahren von den Psychotherapeuten als inhaltlich sinnvoll eingeschätzt wird, wird von der Ausgestaltung abhängen. Es ist zu befürchten, dass es Auswirkungen auf die Behandlungspraxis und die therapeutische Beziehung haben wird (mehr dazu s. Patientenbefragung und Datenerhebung in der Praxis).

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Beatrice Piechotta - Rosmarinstr. 12 L  - 40235 Düsseldorf  -  eMail: kontakt@qs-psychotherapie.de